Genderpädagogik


Genderpädagogik umschreibt eine Pädagogik, in der Kinder und Jugendliche in der Entwicklung ihrer Geschlechtsidentität unterstützt werden und ihnen gleichzeitig die notwendige Offenheit für Erfahrungen vermittelt werden, die sich von einseitigen Vorstellungen über Geschlechter unterscheiden.


Dabei fällt auf, dass Erziehende selbst Männer und Frauen sind und dass Kinder und Jugendliche auch als Mädchen und Jungen aufwachsen und meist großes Interesse haben, einem Geschlecht zuzugehören. Sie erleben, dass entsprechende Verhaltenserwartungen an Jungen bzw. Männer und Mädchen bzw. Frauen an sie herangetragen werden. Zur Identitätsentwicklung gehört aber genauso das Ablehnen von bestimmten Konventionen und Alltagsnormen und das Hinterfragen von Vorstellungen über Junge- oder Mädchen-Sein1. Geschlechtsidentität zu entwickeln ist eine häufig wiederkehrende, mitunter auch für Irritationen anfällige Aufgabe und nicht etwas fest zu Erwerbendes. Die Bedeutsamkeit und Bedeutungen von Geschlechtsidentität sind wie andere Dimensionen und Kategorien2 der Selbstdefinition biografischen Änderungen unterworfen.


Als zentrales Anliegen trägt Genderpädagogik dazu bei, Geschlechtergerechtigkeit zu verwirklichen und soziale Ungleichheit qua Geschlecht aufzudecken und zu überwinden. Weiterhin meint Genderpädagogik das zur Verfügung stellen von Entwicklungsräumen, in denen Kinder und Jugendliche ihre Geschlechtlichkeit erleben und gestalten können, ja in denen einengende Geschlechtervorstellungen zugunsten einer Vielfalt von individuellem Junge- und Mädchen-Sein überwunden werden.


Um auf die Gestaltung von Geschlechterbeziehungen3 sensibel eingehen zu können, bedarf es der „Fähigkeit, in diesen informellen, offenen Situationen auf die "Vorführungen" der Jugendlichen spontan, adäquat genderbezogen reagieren und bildungsfördernd 'antworten' zu können“ (Rose 2005, 516) . Nur wenn geschlechtertypische Verhaltensweisen und Einstellungen von Kindern und Jugendlichen erkannt werden, können neue und vielfältige Erfahrungen und Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet werden. Das meint Genderkompetenz: nämlich Geschlechterinszenierungen als solche wahrzunehmen und Mädchen und Jungen darin zu unterstützen, ihre geschlechterbezogenen Handlungskompetenzen zu erweitern und stereotypes Verhalten zu hinterfragen.


Dies setzt zum einen voraus, dass ein spezifisches Genderwissen - z.B. Wissen um die Ergebnisse der Geschlechterforschung, Geschlechtertheorien - vorhanden ist, welches befähigt, geschlechtsspezifische Strukturen in Institutionen und im Alltagshandeln zu erkennen und aufzuschlüsseln. Zum anderen bedarf es der Reflexion des eigenen Rollenverständnisses, um zu fragen, welche Geschlechterbilder Fachkräfte persönlich und alltäglich Kindern und Jugendlichen anbieten.


Der Umgang mit geschlechtsbezogenen Verhaltenserwartungen löst für viele Mädchen und Jungen Druck aus, diesen Verhaltenserwartungen auch zu entsprechen. Häufig wollen Jugendliche dies und inszenieren lustvoll Männlichkeit und Weiblichkeit. Zugleich sind solche Inszenierungen aber auch mit der Angst verbunden, den Erwartungen nicht zu genügen und nicht dazuzugehören. Genderpädagogik ist dann gefragt, Entlastung zu geben: „Um männlich zu sein, braucht es dabei kein besonders erarbeitetes, angestrengtes oder geleistetes Junge- und Mannsein. […] 'Dein Junge- bzw. Mannsein ist da und bleibt da, es nimmt dir keiner weg' - das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit“ (Neubauer/Winter 2011, 44). Die hier für Jungen formulierte Entlastungsbotschaft ist für Mädchen und Frauen genauso gültig und damit eine Aufgabe von Mädchenarbeit,¨ Jungenarbeit und Genderpädagogik.


Genderpädagogik betont, dass Entwicklung, Erziehung, Bildung, Hilfe und Beratung immer auch geschlechtlich gefärbt sind. Hierin finden wir auch eine verbindende Idee von Mädchenarbeit und Jungenarbeit, von Crosswork¨und reflexiver Koedukation: Mädchen und Jungen als Individuen in den Blick nehmen und dennoch nicht aus dem Blick verlieren, dass Kinder und Jugendliche zugehörig zu Geschlechtergruppen aufwachsen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.


Statistiken nehmen mitunter immerhin Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen auf. Durch diese Vorgehensweise werden mögliche Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen zugelassen und es wird der Gefahr begegnet, die jeweiligen Erlebniswelten gleichmacherisch zuzudecken. Dadurch wird es möglich, Menschen in ihren Unterschiedlichkeiten zu sehen und anzuerkennen.
Wer allerdings nach Unterschieden in den Häufigkeiten und in den Durchschnittswerten fragt, wird auch Unterschiede herausfinden. Wenn eine Mehrheit der Jungen gerne Fußball und eine Mehrheit der Mädchen gerne mit Puppen spielt, dann entspricht dies anscheinend den Bedürfnissen von Jungen und Mädchen - und schnell wird eine Homogenität der Interessen innerhalb der Geschlechtergruppe unterstellt. Bedürfnislagen von Jungen und Mädchen werden dann allzu unterschiedlich konstruiert und damit bestehende Unterschiede verfestigt. Die Gefahr bei der Suche nach Geschlechterunterschieden ist, stärker als nötig zu vereindeutigen im Sinne von "so sind Frauen, so sind Männer". In dieser binären Ordnung der Zweigeschlechtlichkeit gehen nötige Differenzierungen verloren und die Norm der Heterosexualität erscheint zwangsläufig.


Kinder und Jugendliche selbst nehmen häufig den Blick auf Gemeinsamkeiten ein, diesen Impuls braucht auch eine Genderpädagogik. Die Frage „Was haben viele Jungen und viele Mädchen gemeinsam?“ irritiert Genderpädagogik konstruktiv und hilft Dramatisierungen der Geschlechterdifferenzen zu vermeiden. Ähnliches geschieht, wenn sich Kinder und Jugendliche nicht vereindeutigen lassen auf ein Geschlecht hin, wenn transidente und intersexuelle Kinder und Jugendliche die Frage nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen Geschlechtern neu stellen. Wo das möglich ist, wird Genderpädagogik produktiv umgesetzt.


Genderpädagogik kann Geschlechtergerechtigkeit befördern, indem sie bestehende Unterschiede und Ungleichbehandlungen wahrnimmt und Mädchen und Jungen in ihren Lebenslagen ernst nimmt. Sie bewegt sich in einem Spannungsfeld. Einerseits will sie Jungen und Mädchen ihre Selbstbilder von Junge- und Mädchen-Sein lassen und Zugehörigkeiten erlebbar machen und andererseits Einseitigkeiten in geschlechtsbezogenen Zuschreibungen entgegen wirken. Genderpädagogik steht vor der Aufgabe, hinsichtlich unbestimmter Unterschiede zwischen Geschlechtern Gemeinsamkeiten aufzuzeigen und die Geschlechterbeziehungen im Hinblick auf ein positiv-konstruktives Miteinander zu gestalten.


1 Kinder und Jugendliche suchen einerseits Orientierung und wollen so sein wie viele andere, also etwa wie andere Jungen oder Mädchen, um sich nicht in Beliebigkeiten zu verlieren. Gleichzeitig suchen Kinder und Jugendliche auch ihre Individualität, ihre Einzigartigkeit, wollen so sein wie niemand sonst. Diese Bildungs- und Entwicklungsaufgabe einer Identitätssuche hat kein statisches Ich zum Ergebnis, sondern einen dynamischen Selbstentwurf, der in die Zukunft hinein und für Irritationen offen ist. Mit Identität meinen wir eine produktive Bewegung zwischen dem, was Kinder als wirklich und als möglich erleben, zwischen Gegenwart mit all ihren Traditionen und zukünftig anders Möglichem, zwischen Einzigartigkeit und Zugehörigkeit (vgl. Mollenhauer, Klaus: Vergessene Zusammenhänge. Über Kultur und Erziehung. Weinheim 1983, 155-173). Neben anderen Möglichkeiten der Identitätsdefinition halten wir Geschlechtlichkeit für eine wichtige Identitätskategorie.

2 Andere soziale Kategorien sind zum Beispiel nationale und ethnische Zugehörigkeit, Migrationsstatus, soziale Herkunft, Leben mit und ohne Behinderungen.

3 Mit Geschlechterbeziehungen meinen wir sowohl die Bezüge, die Mädchen bzw. Jungen untereinander haben, die Bezüge zwischen Mädchen und Jungen als auch die Selbstbezüge zum eigenen Geschlecht.



Armin Krohe-Amann, Pfunzkerle e.V. Tübingen & Eva Maria Lohner, LAG Mädchenpolitik Baden-Württemberg, Oktober 2011



Literatur:


Neubauer, Gunter / Winter, Reinhard: Jungengesundheit: Wie bringt man Gesundheit an den Mann? In: Abschlussbericht der Landesinitiative Jungenarbeit NRW 2007 - 2010, Essen 2011

Rose, Lotte: Blitzlichter zu aktuellen Herausforderungen in der Kinder- und Jugendarbeit. In: deutsche jugend, 53. Jg., Heft 12, 2005



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