Dekonstruktion

Die Auffassung, dass Geschlecht sozial hergestellt bzw. konstruiert wird, wurde schon früh von Simone de Beauvoir in die Geschlechterdiskussion gebracht mit der These: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es“ (de Beauvoir 1951, S. 265).


Diese sozialkonstruktivistische Sichtweise geht davon aus, dass gesellschaftliche Wirklichkeit durch soziale Interaktionen hervorgebracht wird. In vielen kleinen Alltagshandlungen entsteht eine Ordnung der Geschlechter, z.B. durch die Art sich zu kleiden und sich zu bewegen (doing gender).


In Bezug auf Geschlecht gibt es subjektive und zugleich gesellschaftlich geteilte Vorstellungen darüber, was als "weiblich" oder "männlich" gilt. Dies wird meist als feststehend, natürlich, durch die Biologie vorbestimmt angenommen. Damit werden bestimmte Erscheinungsformen und Verhaltensweisen von Männern und Frauen als normal gedacht und andere Ausdrucksformen als abweichend, nicht dem eigentlichen entsprechend oder nicht existent. So entscheidet dieses diskursive Alltagswissen, welche Identitäten gesellschaftliche Gültigkeit erlangen, ja überhaupt existieren dürfen.


Dekonstruktive Perspektiven im Zusammenhang der Geschlechterforschung gehen dagegen davon aus „dass es keine "eigentliche" Wahrheit hinter den vielfältigen Sprechweisen, Erfahrungen und Deutungen eines Begriffs ("Frau", "Weiblichkeit", "Geschlecht", z.B.) gibt“ (Villa 2008, S. 201). Die bezeichneten Phänomene „Frau“ oder „Mann“ werden durch die jeweiligen Deutungen und Bedeutungen erst konstruiert. Dekonstruktion richtet den Blick auf implizite Annahmen und Wertungen. Damit soll freigelegt werden, was ausgeschlossen, verdrängt oder nicht gedacht wird.

 

Judith Butler1 löste mit der Auffassung, dass sich diese Annahme nicht nur auf gender, also das soziale Geschlecht, sondern sogar auf sex, das biologisches Geschlecht, bezieht, kontroverse Debatten in der feministischen Theoriediskussion aus, indem sie die Denkvoraussetzungen des gesellschaftlichen Umgangs mit Sex, Gender und Begehren analysierte. Sie zeigte, dass angeblich natürliche Sachverhalte wie die Zweigeschlechtlichkeit oder eine eindeutige Geschlechtszugehörigkeit qua Geburt eben keine Naturtatsachen, sondern kollektive Erfindungen sind und dass das biologische Geschlecht (sex) nicht dem sozialen Geschlecht (gender) zugrunde liegt.

 

Da wir in unseren Wahrnehmungs-, Denk-, Gefühls- und Handlungsmustern zweigeschlechtlich orientiert sind, nehmen wir auch biologisch nur genau zwei Geschlechter wahr.

 

Aber auch aktuelle medizinische Arbeiten zeigen eine breitere Vielfältigkeit in Ausprägungen verschiedener biologischer Geschlechtsmerkmale (vgl. dazu insbesondere die Arbeiten von Heinz-Jürgen Voß 2010), die auf die Unzulänglichkeit der Annahme von nur genau zwei Geschlechtern hinweisen.


Dekonstruktion zeigt also auf, dass Zweigeschlechtlichkeit keine Naturtatsache ist, sondern eine soziale „Vereinbarung“, die aber die allgemeine Voraussetzung unseres (auch wissenschaftlichen) Denkens und Handelns ist. Solchen Reduzierungen und Vereindeutigungen liegen Machtinteressen zugrunde. Dekonstruktion begreift generell Phänomene als historisch gewordene Effekte von Machtwirkungen. „Dekonstruktionen versehen Phänomene mit einem Fragezeichen, (…) spielen den Gedanken durch, es könnte auch ganz anders sein. Dazu rekonstruieren sie benannte und unbenannte (…) Phänomene, identifizieren aber auch Zwang und Macht“ (Degele 2008, S. 104). Solche Machtwirkungen zeigen sich beispielsweise im wirtschaftlichen Nutzen bei der Genehmigung von Elternzeiten, in der Arbeitsmarktpolitik oder in den sozialen Sicherungssystemen.


Was bedeutet die Dekonstruktion von Geschlecht, also die Annahme, dass sowohl das soziale als auch das biologische Geschlecht sozial konstruiert sind, für die Mädchenarbeit bzw. Jungenarbeit?


Zunächst entstehen Irritationen. Ist es überhaupt noch möglich, Mädchen- und Jungenarbeit angesichts der Kritik an der Kategorie Geschlecht und an eindeutigen geschlechtlichen Identitäten anzubieten? Die Kategorie Geschlecht wird in Frage gestellt und ist doch gleichzeitig Ausgangspunkt von Jungen- und Mädchenarbeit.


Dekonstruktion provoziert, weil sie die scheinbare Klarheit zweier gegensätzlicher Geschlechter in Frage stellt. Aber Geschlecht hat dennoch als „sich sehr konkret darstellender Erfahrungszusammenhang nichts an Aktualität verloren“ (Maurer/May 2011, S. 485). Oder anders formuliert: „Nur weil Geschlecht konstruiert ist, heißt das noch lange nicht, dass es keine Wirkung hätte“ (Bitzan 2008, S. 243). Jungen- und Mädchenarbeit bieten Unterstützung bei der Auseinandersetzung mit und Bewältigung von gesellschaftlichen Anforderungen sowie individuellen Entwicklungsaufgaben. Die Betonung von geschlechtlicher Eindeutigkeit steht hierbei nicht im Vordergrund, sondern die Arbeit an Wahl- und Verwirklichungsmöglichkeiten und somit die Ermöglichung von Vielfalt an Geschlechtsidentitäten. Jungen- und Mädchenarbeit will teilweise getrennte Entwicklungsräume zur Erweiterung möglicher geschlechtlicher Ausformungen und Lebensweisen anbieten. Dieses Ziel steht im Mittelpunkt, nicht das geschlechtshomogene Setting an sich.


Die Auseinandersetzung mit Dekonstruktion nützt Mädchenarbeit und Jungenarbeit, indem die Kategorie „sex“ hinterfragbar wird. Damit stellen sich Fragen nach impliziten Annahmen im zwischenmenschlichen Miteinander. Die Aufteilung in geschlechtergetrennte Gruppen kann mitunter zu Vereindeutigungen und somit Ausschlüssen sowie zu Abwertungen von beispielsweise Homosexuellen führen („Boah ist das schwul“). Für Jungen und Mädchen kann die Botschaft mitschwingen, wir werden jetzt nur in Jungen- und Mädchengruppen getrennt, weil wir „sooo“ unterschiedlich sind. Und wenn wir unter Jungen bzw. unter Mädchen sind, müssen wir uns dann auch besonders männlich bzw. weiblich verhalten? Dazu ein Beispiel: Es gibt die weit verbreitete Annahme, Jungen hätten körperlich einen größeren Bewegungsdrang als Mädchen. Deswegen seien sie unruhiger, zappeliger und lauter, was subjektiv auch häufig beobachtbar ist. Daraus entsteht immer wieder die Idee von stärker bewegungsorientierten Angeboten für Jungen. Anstatt solchen Annahmen in der Jungenarbeit und der Mädchenarbeit blind zu folgen, hilft uns Dekonstruktion, neue Fragen zu finden und zu stellen. Was bringt uns zu der Annahme? Welche Geschlechterkonstruktionen und Machtverhältnisse stecken dahinter? Welche moralischen Bewertungen kommen darin zum Ausdruck? Was wollen die Jungen und die Mädchen selber, mit denen wir es zu tun haben? Und wahrscheinlich kommen wir so auf die Bewegungsbedürfnisse von vielen Mädchen und das Bedürfnis nach Ruhe und Entspannung von vielen Jungen.


In Mädchen- und Jungengruppen bekommen Fragen nach Geschlechtszugehörigkeiten einerseits die notwendige Wichtigkeit. Andererseits kann diese Aufteilung auch den Effekt haben über die oben genannten Abwertungen Heteronormativität aufrecht zu erhalten.


Das Anstrengende an einer Perspektive der Dekonstruktion ist die radikale Infragestellung von gesellschaftlichen Normalitäten. Der pädagogischen Praxis der Jungen- und Mädchenarbeit ist nicht daran gelegen, sich mit ständigen Fragen handlungsunfähig zu machen. Aber die Bereitschaft, implizite Annahmen über Jungen und Mädchen aufzudecken, kann zu neuen Perspektiven auf deren Lebenswelten und Bedürfnisse führen.


Wenn wir Geschlecht als soziale und biologische Kategorie dekonstruieren, und uns dabei vor allem auf die konkrete interaktive Handlungsebene konzentrieren, besteht die Gefahr, die dennoch existierende „geschlechtliche Ordnungswirkung“ (Bitzan 2008, S. 243) zu ignorieren oder zu übersehen. Geschlechterordnungen wirken häufig verdeckt und sind subjektiv weniger erkennbar, wodurch es zur Wahrnehmung scheinbar egalitärer Lebensverhältnisse kommt. Mädchen- und Jungenarbeit begegnen dieser Gefahr, indem sie nach wie vor auf die gesellschaftlich wirkungsvolle Differenzlinie Geschlecht Bezug nehmen und sie zum Gegenstand pädagogischer Praxis machen, während die Perspektive der Dekonstruktion die Bedingungen dieser Differenzlinie hinterfragt und Denkvoraussetzungen erweitert. Beides mündet darin, Geschlechtervielfalt zu ermöglichen und Rahmenbedingungen herzustellen in denen gleichberechtigte Begegnungen von Menschen aller Geschlechter möglich werden.


1 Judith Butler ist eine US-amerikanische Philosophin und Sprachwissenschaftlerin, die insbesondere mit ihrem in Deutschland 1991 erschienenen Buch „Das Unbehagen der Geschlechter“ Debatten innerhalb der feministischen Theorie auslöste, indem sie mit ihrer Theorie die Kategorie Frau in Frage stellte.



Armin Krohe-Amann, Pfunzkerle e.V.¨Tübingen¨& Eva Maria Lohner, LAG Mädchenpolitik Baden-Württemberg, Januar 2012



Literatur:


Bitzan, Maria (2008): Geschlecht und sozialer Ausschluss. Vom Ausschluss durch Einschließen. In: Anhorn, Roland/ Bettinger, Frank/ Stehr, Johannes (Hrsg.): Sozialer Ausschluss und Soziale Arbeit. Positionsbestimmungen einer kritischen Theorie und Praxis Sozialer Arbeit, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage. Wiesbaden, S. 237-256.

Beauvoir, Simone de (1992): Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt. Erstausgabe 1949. Degele, Nina (2008): Gender/Queer Studies. Eine Einführung. Paderborn.

Degele, Nina (2008): Gender/Queer Studies. Eine Einführung. Paderborn.

Maurer, Susanne (2002): Geschlecht - Mädchen. In: Schröer, Wolfgang/Struck, Norbert/Wolff, Mechthild (Hrsg.): Handbuch Kinder- und Jugendhilfe. S. 311-324.

Maurer, Susanne / May, Michael (2011): Gender, Genderforschung. In: Otto, Hans-Uwe/Thiersch, Hans (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit. Grundlagen der Sozialarbeit und Sozialpädagogik. München. S. 479-491.

Villa, Paula-Irene (2008): Post-Ismen: Geschlecht in Postmoderne und (De)Konstruktion. In: Wilz, Sylvia Marlene (Hrsg.) (2008): Geschlechterdifferenzen - Geschlechterdifferenzierungen. Ein Überblick über gesellschaftliche Entwicklungen und theoretische Positionen. Wiesbaden, 199-229.

Voß, Heinz-Jürgen (2010): Making Sex Revisited. Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive. Bielefeld.




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